Unsere Buchtipps aus der Belletristik

 

Tom McCarthy

8 ½ Millionen


Aus dem Englischen von Astrid Sommer
Roman, Diaphanes Verlag 2022, 296 Seiten, 18,--Euro

 

 

Ein gewaltiges Gedankenexperiment

Ein junger Mann wird bei einem Unfall an einer Baustelle durch herabstürzende Teile schwer verletzt. Als er aus dem Koma erwacht, teilt man ihm mit, es habe eine Einigung gegeben: man zahle ihm 8 ½ Millionen englische Pfund, er wiederum verpflichte sich jedoch, sich über den Hergang des Geschehens auszuschweigen. Der junge Londoner muss nun verschiedenste Bewegungen, die Kontrolle seines Körpers, wieder erlernen. Die Folge eines traumatisierten, jedoch noch gut funktionierenden Gehirns. Sein Gedächtnis ist vorhanden, aber schwer zu greifen. Dinge, die einst wichtig waren, rücken in den Hintergrund; Abgespeichertes, jedoch vormals Unwichtiges wird dominant. Ihn quält die Frage: Wer bin ich und was ist echt, was erlernt und aufgesetzt? Als er auf einer Party bei einem Freund auf der Toilette ein Déja-vu erlebt – ausgelöst durch die Form eines Risses in der Wand - startet ein 8 ½ Millionen-schweres Experiment. Es beginnt mit einer Suchaktion; den Kontakt zu Agenten; dem Kauf eines Gebäudes und dem Engagieren von Schauspieler*innen. Es folgt ein alles veränderten Umzug. Hier nimmt der Roman Fahrt auf und bringt die Lesenden an einigen Stellen zum Schaudern und Schwitzen. Ein philosophischer Roman der ganz, ganz anderen Art. Humorvoll und todernst, wahnwitzig und abgedreht. Alles dreht sich um die Frage der Echtheit des Seins und geht dabei an die Grenzen des Machbaren und Aushaltbaren. Ein Roman, der einen enormen Sogeffekt mit sich bringt und mit seinen existenziellen Fragen alles andere als platte Kalenderblatt-Philosophie auftischt.

Empfohlen von Saskia Jürgens

 

Kali Drische
Neulich im Schrank


Kurzgeschichten, Konkursbuch Verlag, 190 Seiten, 9,90 Euro

 

 

Körper, Sex und andere Widrigkeiten…

…lautet der Untertitel dieses Büchleins voller Kurzgeschichten über das Entdecken der eigenen Körperlichkeit im weiten Sinne. So findet sich hier eine Sammlung von Texten über Sexualität, körperliche Grenzen und Tod, was dazu führt, dass Gedanken über Mobbing, Schönheitsideale und Organspende ihren Platz darin finden. Die Protagonistin scheint in allen Geschichten die gleiche zu sein – sie beginnt ihre Erzählungen im Alter von neun Jahren und beendet sie im Erwachsenenalter. Die Sprache ist oft sehr direkt und heftig, manchmal poetisch. Viele der Geschichten lassen die Lesenden auflachen, denn die beschriebenen Widrigkeiten erinnern sehr an die Entwicklungsschritte, Verwirrungen und Fettnäpfchen eines jeden. Andere Texte wiederum erreichen eine nachdrückliche Tiefe oder erfordern aufgrund der krassen Situation ein erschüttertes Durchatmen. Gemein haben alle Geschichten – das merkt man schnell und damit wir nicht zu viel verraten - dass das eigentliche Ziel immer knapp verfehlt wird.

Empfohlen von Saskia Jürgens

 

Stanislaw Lem

Solaris

 

Science-Fiction Roman, Ullstein Verlag 2021 (diese Ausgabe), Taschenbuch, 336 Seiten, 14,99Euro

 

 

Jenseits menschlicher Vorstellung

Lems Solaris ist ein Klassiker von 1961 – einige werden ihn kennen und auch schon gelesen haben. Zumindest schon einem davon gehört haben.
Dennoch finde ich, ist es dieses Buch wert, für all die anderen, die Solaris noch nicht gelesen haben, hier zu besprechen. Beim Lesen war ich begeistert und beeindruckt, davon wie Lem es schafft Unbehagen auf einer rein psychologischen Ebene zu erzeugen – dadurch, dass dem dreiköpfigen Forschungsteam auf Solaris unerklärliche Dinge widerfahren.
Der Psychologe Kris Kelvin soll auf den Exoplaneten Solaris reisen, um die sonderbaren Vorkommnisse auf dem scheinbar unbelebten Planeten zu erklären. Wider Erwartens trifft er jedoch auf der Forschungsstation seines Reiseziels nur noch zwei seiner Kollegen lebend an. Alle anderen sind verschwunden.
Eigenartige Erscheinungen, die den Gedanken und Erinnerungen der Besatzung zu entspringen scheinen, treiben die Forschenden schier in den Wahnsinn. Woher kommen diese Erscheinungen?
Kann das mal ruhige, mal wilde, den Planeten umspannende Meer, das offenbar mehr Einfluss hat, als erwartet, dafür verantwortlich sein? Hier werden interessante Fragen nach den Grenzen zum Lebenden, zum Bewusstsein und zur Kommunikation aufgeworfen. Wie findet Kommunikation statt, wenn das Gegenüber keine Vorstellung vom „Konzept Mensch“ hat? Eine Frage, die aktueller nicht sein könnte, wenn man die Kommunikation mit künstlichen Intelligenzen und die daraus resultierenden, zum Teil absurden, unbehaglichen Resultate ins Auge fasst.

Empfohlen von Saskia Jürgens

 

Alphonse Karr

Reise um meinen Garten


Briefroman, Andere Bibliothek 2020, 436 Seiten, 24,--Euro

 

 

Einfach mal genau hinsehen

Dieses Buch ist eine Ode ans Daheim bleiben – Urlaub auf Balkonien, wenn man so will. Eine Aufforderung in der eigenen Umgebung mit weit geöffneten Sinnen aufzunehmen, was einem begegnet. Den ersten Impuls lieferte dabei der Nachbar des Autors, der auf Reisen in die Welt aufbricht. Der vielseitige französische Romancier, Journalist, Theaterkritiker, Fischer, Blumenhändler (…) Alphonse Karr verfasste 1845 seinen Briefroman „Reise um meinen Garten“ mit Briefen an den besagten Reisenden. In den Texten dringt er mit seinen Beobachtungen in den Mikrokosmos seiner direkten Umgebung ein und beschreibt diese mit der Präzision eines erfahrenen Malers, der seine Pinselstriche in voller Bewusstheit setzt. Man wünscht sich bei der Lektüre, dass einem zu Schulzeiten die Natur vor der Haustür so bildhaft und spannend illustriert worden wäre. Was mit dem Neid des Zurückgelassenen begann, mündete in eine Sammlung voller philosophischer und gesellschaftsrelevanter Texte, Naturbeobachtungen, Parabeln, Anekdoten. Wahrscheinlich eine der sinnlichsten Wege Konsumkritik zu betreiben und eine Motivation zu bieten mehr zu sein als haben zu wollen - vor allem in Zeiten des Klimawandels und zahlreicher politischer Konflikte. Karr war in vielen weiteren Themen seiner Zeit voraus: In seine Briefe verwebt er Kritik am Hochmut gegenüber Armen, Frauen und Menschen anderer Herkunft – in einem Brief empört er sich über die von den Kolonialmächten befeuerte Exotisierung der besetzten und begafften Völker.
2020 wurde der Text in einer wunderschön illustrierten Ausgabe in der Anderen Bibliothek neu aufgelegt.

Empfohlen von Saskia Jürgens

 

Boris Poplawski
Apoll Besobrasow

 

Roman, Guggolz Verlag 2019, 300 Seiten, 24,--Euro

 

 

Russische Bohèm-WG in Paris des beginnenden 20. Jahrhunderts
Eine Schicksalsgemeinschaft, Wahlverwandtschaft aus jungen russischen Emigrant*innen, die sich in Paris zusammenfinden, durch rauschende Partys und Orgien taumeln, den Sinn ihres Seins ergründen und sich der Kunstwerdung ihres Lebens mit allen Sinnen hingeben. Im Zentrum steht der geheimnisvolle, mystische Apoll Besobrasow, den der Protagonist auf eigentümliche Weise trifft und sich an dessen Fersen heftet. Die Schauplätze variieren und machen das Geschehen besonders abwechslungsreich. Eben noch auf der orgiastischen Festivität und plötzlich in einem Schweizer Kloster, eine leerstehende Villa, ein Schloss am Gardasee. Doch hier geht es nicht nur um die Handlung allein: Träumerische Wahrnehmungen und detaillierte Beschreibungen – zum Beispiel von Regen in all seinen besonderen Nuancen – auf eine Art, die an James Joyce erinnert, spielen eine große Rolle und machen das Buch zu einem fantastischen Leseerlebnis.

Empfohlen von Saskia Jürgens

 

Olga Tokarczuk

Empusion

Roman, Kampa Verlag 2023, 384 Seiten, 26,--Euro

 

 

Männer unter sich

Der junge Ingenieursstudent aus Lemberg Mieczyslaw Wojnicz reist anlässlich einer Tuberkuloseerkrankung in den Kurort Görbersdorf in Niederschlesien. Es ist Herbst des Jahres 1913 und das Setting erinnert an Thomas Manns Zauberberg. Da ihn das Kurhaus selbst nicht beherbergen kann, kommt er zunächst in einem „Gästehaus für Herren“ unter. Die dort untergebrachten Herren treffen sich gern auf ein Gläschen regionalen Likörs, genannt „Schwärmerei“, oder diverse gemeinsame Ausflüge. Dort werden sämtliche Themen, die den Herren unter den Nägeln brennen diskutiert. Spekulationen über einen baldigen Krieg vermengen sich mit kommunistischen, anarchistischen, aber auch nationalistischen und antisemitischen Theorien. Männlichkeit ist eines der Attribute, die jeden Herrn auszeichnen soll – was genau das bedeutet: Auch das wird bei diesen Runden lebhaft besprochen. Und natürlich Frauen – Frauen und deren scheinbar besondere physische und psychische Verfassung. Jedes Gespräch, so scheint es Wojnicz, mündet schließlich in dieses Thema. Dabei werden nicht nur bekannte Theorien aufgetischt, sondern die skurrilsten Mythen ausgegraben. Überhaupt hat der Ort etwas unbehaglich verwunschenes an sich, und dass sich die Frau des Hauswirts bereits am Abend des ersten Tages erhängt, sorgt bei Wojnicz nicht gerade für Behaglichkeit. Wojnicz, der irgendwie nicht so recht ins Bild der typischen Männlichkeit passen will, gerät zwischen den geselligen Stunden ins Grübeln. Zu der Selbstmörderin entwickelt er eine ganz eigene Beziehung. Sie ist jedoch nicht die einzige Tote, denn in den Bergen geschehen regelmäßig äußerst mysteriöse Todesfälle und schon bald schwebt der Protagonist in Lebensgefahr.
Ein emanzipierter, spannender Entwicklungsroman, eingebettet in eine kluge, feministische Schauergeschichte, mit erstaunlichen Hintergründen.

Empfohlen von Saskia Jürgens

 

Christina Hug

Unser Haus

 

Roman, Zytglogge Verlag 2023, 230 Seiten, 29,--Euro

 

 

Außer Kontrolle

Paul könnte nicht frustrierter sein: Nicht nur, dass er Schule sowieso ätzend findet. Nun muss er sein letztes Schuljahr wiederholen, also eine Ehrenrunde drehen, während alle seine Freunde von dannen ziehen, um zu reisen oder zu studieren. Doch dann gibt es da dieses leerstehende Geschäftsgebäude in der Züricher Innenstadt und kurzerhand schließt er sich einer kleinen Gruppe von Hausbesetzer*innen an und kapert mit ihnen gemeinsam die Räumlichkeiten. Während es für Paul die erst Hausbesetzung ist, die ihm beim hoffentlich unbemerkten Einsteigen Adrenalin und Herzrasen verpasst, ist Lucas der Erfahrene, der in aller Ruhe und nüchtern die nötigen rechtlichen Schritte in die Wege leitet. Auch für das ältere Hippie-Pärchen, das sich bald dazu gesellt, ist das nicht die erste Besetzung. Hier soll Wohnraum entstehen, für alle die es nötig haben, Konzerte und Ausstellungen sollen stattfinden und vor allem soll alles gemeinsam und basisdemokratisch entschieden werden. Eine große Herausforderung, wenn immer mehr Menschen mit den unterschiedlichsten Bedürfnissen und Prioritäten dazustoßen, die ansässige Straßengang auch mitmischen möchte und der wachsenden Gruppe Alltägliches vor die Füße fällt.
Eine aus dem Leben eines Jugendlichen gegriffene Geschichte über Freundschaft und Liebe. Ein tolles Gedankenexperiment über Demokratie und Anarchie, aber vor allem über das Zusammenhalten einer Gruppe. Und irgendwie ist das schon auch eine kleine Anleitung fürs Besetzen leerstehender Häuser. Ein Buch für junge Erwachsene, aber auch für Ältere, die sich mit nostalgischer Sehnsucht an ihre Jugend in den 2000ern erinnern wollen - die im Buch angeführte Musik tut dann ihr Übriges. Ein bisschen stolpert man über ein paar schwyzerdütsche Begriffe – doch vorsorglich befindet sich hinten im Buch ein Glossar mit den Wortbedeutungen.

Empfohlen von Saskia Jürgens

 

Salman Rushdie

Viktory City

Roman, Penguin Verlag 2023, 416 Seiten, 26,--Euro

 

 

Eine Stadt wie von Zauberhand emporgewachsen

Pampa Kampanas Leben gerät aus den Fugen, als sie, selbst noch ein Kind, mitansehen muss, wie ihre Mutter und weitere Frauen bei einer Witwenverbrennung in Flammen aufgehen. Völlig verstört und in Tränen aufgelöst prasselt auf sie sogleich ein weiteres einschneidendes Ereignis ein: von einer Göttin wird sie auserkoren als göttliches Sprachrohr in einer patriarchalen Welt für Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern zu sorgen. Ihre menschliche Gestalt soll sie dabei behalten. Ausgestattet mit magischen Fähigkeiten und einer ausgedehnten Lebenserwartung lässt sie aus Samenkörnern eine Stadt erwachsen und setzt zu deren Verwaltung zwei Brüder als Könige ein. Dies ist der Beginn der Geschichte der Stadt Bisnaga, Victory City, die wir heute als das südindische Hampi kennen. Wir befinden uns im 14. Jahrhundert und werden diese Stadt und Pampas Leben 250 Jahre lang und über mehrere Generationen hinweg begleiten. Bisnagas Geschichte nimmt ihren Lauf, Herrscher kommen und gehen, die Gesellschaft verändert sich; und gleich, was geschieht, Pampa Kampanas Schicksal ist untrennbar mit dieser Stadt verwoben.
Rushdie schafft mit seinem neuen Roman ein gewaltiges Epos, das Elemente der indischen Mythologie mit moderner Fantasy verwebt. Einen Roman, der die indische Götterwelt widerspiegelt, der indigenen Bevölkerung Indiens eine Stimme gibt und somit die Vielfalt dieser großen Nation betont und die Auswirkungen des Imperialismus anspricht. Auch für Menschen, die Indien kennen, gibt es hier einiges zu entdecken und Mosaiksteinchen, die Wissenslücken schließen und Aha-Effekte mit sich bringen. Eine fesselnde Geschichte, die Themen wie Frauenrechte, Gewalt, Gruppendynamiken und die „Entzauberung der Welt“ diskutiert und sich gleichzeitig so fließend und interessant liest, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen möchte.

Empfohlen von Saskia Jürgens

 

Dirk Kurbjuweit

Die Freiheit der Emma Herwegh

 

Roman, Hanser Verlag 2017, 333 Seiten, 23,--Euro

 

 

Zunächst eine Warnung: dies ist kein Heldenepos über den mutigen 1848er-Revolutionsführer Georg Herwegh und die an seiner Seite stehende tapfere Frau Emma, die mit ihrem Freiheitswillen allen Konventionen der Zeit trotzt. Nein, dieser wunderbare historische Roman zeichnet seine Figuren sehr differenziert mit ihren Licht- und Schattenseiten. Gerade der im 19.Jahrhundert überaus populäre , aber offenbar auch grenzenlos egozentrische Freiheitsdichter Georg Herwegh („Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will“) muss hier viel von seinem heroischen Pathos lassen. Zu dreist waren seine unaufhörlichen Liebeseskapaden auf Kosten seiner Frau Emma, zu dilettantisch ausgeführt war sein Versuch, mit einer „Deutschen Demokratischen Legion“ im Jahre 1848 die Revolution vom französischen Exil aus im Großherzogtum Baden zu entfachen.
All dies wird in diesem Buch sehr anschaulich erzählt, und während sich dem Leser die Person Georg Herwegh immer weiter entfremdet, gewinnt das Leben seiner Frau Emma immer deutlichere Konturen. Wir lesen vom Kennenlernen der beiden Liebenden im vorrevolutionären Berlin, Georg bereits in ganz Deutschland wegen seiner Gedichte bejubelt und verfolgt, Emma die höhere Tochter aus sehr reichem Hause, aber mit unbändiger Freiheitssehnsucht. Wir erleben mit ihnen die Februarrevolution  1848 im in Paris. Wir nehmen mit den beiden am revolutionären Feldzug in Südbaden teil, der im Fiasko endet. Wir erfahren ungläubig staunend, welch aberwitzige Drei- und Vierecksverhältnisse  bereits in der damaligen Zeit ausgelebt werden konnten – und wir genießen die altersweisen Lebensschilderungen der 77jährigen Emma, die sie dem damals jungen Frank Wedekind im Pariser Exil gibt.
Dem Autor Dirk Kurbjuweit ist ein historischer Roman gelungen, der tief in das damalige Geschehen eintauchen lässt.  Wer sich für Hoffnung und Scheitern von Freiheitsbewegungen interessiert, soll dieses Buch unbedingt lesen!

Empfohlen von Wolfgang Kiekenap

 

Elisabeth Tova Bailey

Das Geräusch einer Schnecke beim Essen

 

aus dem Englischen von Kathrin Razum

Verlag Nagel & Kimche

Fester Einband, 176 Seiten, 16.90 €

 

„Die Natur ist die Zuflucht des Geistes.... reicher noch als die menschliche Vorstellungskraft“ Edward  O.Wilson, Biophila, 1984


Während einer Reise nach Europa erkrankt die Biologin Elisabeth Bailey an einem rätselhaften Krankheitserreger, der schwere neurologische Symptome bei ihr verursacht. Auch renommierten Spezialisten gelingt es nicht, die Ursache der Krankheit zu identifizieren. Sie erhält ein nicht zugelassenes Medikament, dass ihren Zustand zunächst stabilisiert, aber dann erleidet sie aus heiterem Himmel immer wieder Rückfälle, wird bettlägerig und ist schließlich für Jahre bis zu ihrer Genesung ans Bett gefesselt. Sie muss ihr Bauernhaus nahe am Wald verlassen und wird im Studio einer Freundin untergebracht, wo eine bessere Versorgung gewährleistet ist. Da bringt ihr die Freundin von einem Waldspaziergang eine Schnecke mit, gräbt ein Ackerveilchen aus, pflanzt es in einen Terrakottatopf, setzt die Schnecke unter ihre Blätter und stellt den Topf samt Schnecke neben Elisabeths Baileys Bett. Zunächst weiß sie nichts mit dem ausgefallenen Mitbringsel ihrer Freundin anzufangen, doch dann beginnt sie die Schnecke zu beobachten und fasziniert ihre Gewohnheiten zu studieren.

 

„Morgens, wenn ich frühstückte, kroch sie wieder in ihren Topf zurück......abends erwachte die Schnecke, kroch mit beeindruckender Gelassenheit und Eleganz zum Rand des Topfes, linste nach unten und begutachtete erneut das fremde Terrain, das vor ihr lag.“


So beginnt eine besondere Beziehung und Überlebensgemeinschaft zwischen Biologin und ihrem Forschungsobjekt. Gebannt erkundet Elisabeth Bailey die Biologie und Kulturgeschichte der Mollusken. Man erfährt Erstaunliches über ein unterschätztes und der Menschheit weitgehend unbekanntes Lebewesen. Wie sich in einem winzigen Baustein der Natur die Vielfalt des Lebens entdecken lässt. Dabei bietet die Forscherin Elisabeth Bailey dem Leser nicht nur wissenschaftlich interessante Fakten aus der Welt der Mollusken, sondern auch viele literarische Entdeckungen rund um die Schnecke, die auch passionierte Gärtner bei ihrer tödlichen Schneckenjagd in den Salatbeeten zum Innehalten veranlassen könnten.
Eine wunderbare Lektüre, über Entschleunigung, Hoffnung und die Geheimnisse der Natur.
Empfohlen von Monika Rieth

 

Kurt Oesterle

Martha und ihre Söhne

 

Roman,  Klöpfer & Meyer Verlag, 180 S., 20 €

   

 

"Der Feind bringt euch die Freiheit!", stand auf dem Plakat, dass die Soldaten für alle gut sichtbar aufhängten, nachdem sie Marthas Dorf in Süddeutschland eingenommen hatten. Dass Deutschland den Krieg verlieren könnte, war für Martha nicht vorstellbar gewesen. Fassungslos ist sie - wie die meisten Bewohner ihres Ortes - durch die Niederlage gedemütigt und fühlt sich von den Siegern verspottet. Obwohl immer mehr Verbrechen des NS-Regimes ans Licht kommen, "...darunter etliche Taten, die bis vor Kurzem als Ruhmestaten gegolten hatten", sieht Martha bei sich weder Verantwortung für Krieg, Massenmord und Ausplünderung noch (Mit-)Schuld an dem begangenen Unrecht. Schließlich hatte sie persönlich niemanden gemordet oder gequält oder ans Messer geliefert. Sie war lediglich von der Richtigkeit ihres Denkens, Fühlens und Handelns überzeugt gewesen - und ist es noch immer. Aber Martha hat auch Angst vor der Rache der Sieger. Hatte ihr Vater nicht prophezeit: "Schafft es der Feind bis ins Dorf, bringt er alle um". Zur eigenen Sicherheit vernichtet sie alles, was sie als überzeugte NS-Anhängerin entlarven könnte, und sie verlässt in den ersten Wochen nach Kriegsende das elterliche Haus so selten wie möglich. Jedoch nehmen die Sieger keine Rache, ganz im Gegenteil: sie schenken Kindern Kaugummis und versuchen junge Menschen wie Martha in politischen Umerziehungskursen, sogenannten "Demokratiestunden" von der Falschheit des nationalsozialistischen Denkens zu überzeugen. Sie werben für Demokratie. Martha traut all dem nicht, hat sie sich doch nie unfrei gefühlt. Ebenso wenig sieht sie sich als Angehörige einer verführten Jugend, denn sie war immer "...voll und ganz einverstanden gewesen mit dem Regime und seinen Großtaten". Martha ist orientierungslos. "Die Zeit schien auf der Stelle zu treten, es gab weder Vergangenheit noch Zukunft. Es gab nur die immer gleiche Gegenwart der Besatzung und die Straferwartung." In Nächten voller Angst schmiedet Martha einen Plan, um dem Strafgericht zu entgehen: Sie will so schnell es geht ein Kind bekommen. So heiratet sie überstürzt Paule, einen Flüchtling aus "den verlorenen Ostgebieten des Reiches", den sie fast nicht kennt. Mit 22 Jahren ist Martha Mutter von zwei Söhnen und fühlt sich als solche einigermaßen sicher "vor der Rache der Sieger".

Kurt Oesterles Roman beginnt mit der sogenannten "Stunde Null. Er spannt den Erzählbogen von der Besatzungszeit bis zum staatlichen Wiederaufbau mit der 2. freien Wahl in der BRD. Unaufgeregt, distanziert aber empathisch zeichnet er den schwierigen Übergang zur Gründung der Demokratie nach. Er schildert in klaren Worten menschliche Verheerungen, die 12 Jahre Diktatur hinterlassen haben. In den Details der Familiengeschichte von Martha, Paule und ihren beiden Söhne Alfred und Helmut leuchtet Oesterle gesellschaftliche Seelenzustände in dieser für Deutschland entscheidenden Politik- und Zeitenwende aus. Nachvollziehbar und überzeugend weist er auf Traumata hin und macht deutlich, wie schwierig ihre Verarbeitung und Überwindung sein kann.

Empfohlen von Ralph Wagner

 

Wlodzimierz Nowak

Das Herz der Nation an der Bushaltestelle

Polnische Reportagen

 

Aus dem Polnischen von Joanna Manc

KLAK Verlag Berlin, 371 Seiten

€ 16,90

 

 

Die achtzehn in diesem Buch versammelten Reportagen sind zwischen 1996 und 2013 abseits der prosperierenden Zentren, in der polnischen Provinz entstanden, drei von ihnen haben Co-AutorInnen. Die Reportagen erzählen von den Schicksalen verschiedenster Menschen in unterschiedlichsten Lebenslagen. Was sie verbindet, ist, dass sie eindrücklich illustrieren, wie dramatisch sich das Leben in Polen nach der Wende von 1989 verändert hat, wie rasant sich die ökonomische Situation vieler Menschen verschlechtert hat. In einigen Reportagen kommen die Porträtierten in O-Ton zu Wort, in den anderen beschreiben Nowak und die anderen VerfasserInnen die Lebensumstände und den Alltag der Menschen. Das geschieht mit professioneller Distanz, ohne Wertung oder Anklage, aber immer mit deutlich spürbarer Empathie. In den Reportagen geht es immer auch um Grundsätzliches, wenn nicht Existenzielles. In schonungsloser Offenheit - auch sich selbst gegenüber - sprechen die Menschen von ihren Problemen, Sorgen und Wünschen und manchmal auch von Hoffnung. Manche sind verzweifelt oder resigniert, haben sich dem Alkohol ergeben oder versuchen als Kleinkriminelle über die Runden zu kommen. Andere wenden viel Energie für Kämpfe mit Behörden oder Unternehmen an, entwickeln Ideen und ergreifen Initiativen, wo staatliche Stellen versagen oder schlicht nicht mehr existieren.

Ich empfehle die Lektüre allen, die sich für Polen interessieren und gerne ausgezeichnete Reportagen lesen. Meine Empfehlung möchte ich mit einem Zitat aus dem Vorwort zu diesem Buch von Gesine Schwan unterstreichen: "Wer das Leben in Polen in manchen Regionen auf dem Lande und in weniger erfolgreichen sozialen Schichten unsentimental kennen lernen möchte, Menschen in ihrem Alltag mit ihren Sorgen, ihrem Realitätssinn, zugleich aber auch mit ihren anrührenden Träumen und ihrer bewundernswerten Energie, immer wieder neue Anläufe zu nehmen und trotz allem für ihr Leben ein wenig Sinn zu erhaschen - der sollte zu diesem Buch greifen."

empfohlen von Ralph Wagner

 

Vaddey Ratner

Im Schatten des Banyanbaums

 

Aus dem Englischen von Stephanie von Harrach

Roman, Unionsverlag 2014, 381 Seiten, 21,95 Euro

 

 

Am 17.4.1975 eroberten die "Roten Khmer" die kambodschanische Hauptstad Phnom Penh. Damit beendeten sie einen langjährigen Bürgerkrieg und proklamierten das "Demokratische Kampuchea". Unverzüglich begannen sie unter ihrem Führer Pol Pot damit, das Land nach ihren Vorstellungen umzugestalten - mit ungeahnten Konsequenzen und unvorstellbarer Gewalt. Um ihr Ziel zu verwirklichen, einen kommunistischen Agrarstaat ohne Geld und persönliches Eigentum, wurde die gesamte Bevölkerung Phnom Penhs innerhalb weniger Tage aus der Stadt vertrieben. Familien wurden systematisch auseinandergerissen, Beamtenschaft und Polizei, Akademiker, Intellektuelle und der buddhistische Klerus gnadenlos verfolgt, gefoltert und ermordet. Alle Menschen, die aus Sicht der Roten Khmer die alte Ordnung repräsentierten und nicht bereit waren, sich für die Verwirklichung der revolutionären Ziele den neuen Machthabern zur Verfügung zu stellen, wurden getötet. Städte wurden entvölkert, Verwaltungsgebäude, Schulen, Krankenhäuser und Tempel zerstört. Die Gewaltherrschaft der Roten Khmer dauerte bloß 4 Jahre und kostete nach Schätzungen nahezu 2 Millionen Menschen ihr Leben. Sie wurden Opfer der "Killing Fields", starben an unmenschlichen Bedingungen in den Arbeitslagern, verhungerten, wurden willkürlich exekutiert oder starben, weil es keinerlei medizinische Versorgung mehr gab.

Opferzahlen allein sind abstrakt. Das Grauen der begangenen Verbrechen, das erlittene Leid jedes Einzelnen, die Tragödie eines ganzen Volkes, das um ein Drittel seiner Menschen beraubt wurde, dies alles zu erfassen, gelingt nur in empathischen Schilderungen von Einzelschicksalen und individuellen Erinnerungen. Vaddey Ratners Roman "Im Schatten des Banyanbaums" ist ein Beispiel. Es ist ein gleichzeitig todtrauriges und poetisches Buch. Die Geschichte, die in wesentlichen Zügen ihre eigene ist, so erklärt die Autorin in einem kurzen, deshalb aber nicht weniger aufschlussreichen Nachwort, wird uns durch das Mädchen Raami erzählt. Die kindliche Erzählperspektive sorgt für eine besondere Eindringlichkeit des Textes. Der unverstellte Blick auf furchtbare Geschehnisse und ihre nüchternen Schilderungen stehen in seltsamem Kontrast mit wunderschönen Naturbeschreibungen. Ein Kind versucht zu verstehen, was auch Erwachsene nicht begreifen können. Mit Phantasie und den Erinnerungen an ihren geliebten Vater, aus denen Raami Kraft schöpft, schafft sie es, Leid und die Strapazen zu ertragen und alles zu überleben.

"Im Schatten des Banyanbaums" ist eine grausame Geschichte, die in wunderschönen Worten erzählt wird, eine Geschichte über menschliche Stärke und Leidensfähigkeit, über Mitgefühl und Überlebenswillen. Vaddey Ratner, deren vollständiger Name Neak Ang Mechas Ksatrey Sisowath Ratner Ayuravann Vaddey lautet, ist Spross der königlichen Familie Sinowath I. Fast ihre gesamte Familie wurde durch die Roten Khmer ausgelöscht. Die Autorin hat mit dem Schreiben dieses herausragenden Buches Großes geleistet, denn sie hat höchstwahrscheinlich nicht nur sich selbst von einigen Dämonen der Vergangenheit befreit, sondern auch für alle Opfer der unglaublichen Verbrechen der Roten Khmer ein literarisches Mahnmal geschaffen.

Empfohlen von Ralph Wagner

 

Bethan Roberts

Der Liebhaber meines Mannes

 

Aus dem Englischen von Astrid Gravert

Roman, Kunstmann 2013, 19,95 €

 

 

Patrick, nach mehreren Schlaganfällen ein hilfloser Pflegefall, hat höchstwahrscheinlich nicht mehr lange zu leben. Deshalb beschließt Marion, das Schweigen nach 40 Jahren zu brechen, um ihren Mann Tom zum Reden und zum Handeln zu bewegen.

 

In den 1950er Jahren beginnt alles damit, dass der Teenager Marion sich in den Bruder ihrer besten Freundin verliebt und sich vornimmt, ihn zu heiraten. Dass Tom ganz offensichtlich kein Interesse am weiblichen Geschlecht hat, übersieht sie geflissentlich. So fühlt Marion sich auch am Ziel ihrer Wünsche, als Tom ihr überraschenderweise einen Heirats-antrag macht. Schon kurze Zeit später heiraten sie. Leise Zweifel beschleichen die junge Frau, als die Hochzeitsnacht nicht ganz so verläuft, wie sie es sich vorgestellt hat. Aber mit dem Wissen um ihre eigene und die vermutete Unerfahrenheit Toms in sexuellen Belangen, wischt sie auch das beiseite. Was sie nicht ahnt: Tom erlebt gerade sein schwules Coming Out. Er ist zutiefst verunsichert und auch besorgt. Vor wenigen Wochen hat er per Zufall den deutlich älteren Patrick kennen gelernt. Der ist gebildet, kultiviert, wohlhabend und arbeitet als Kurator im Museum in Brighton. Patrick ist von Tom hingerissen, der sich ebenfalls zu Patrick hingezogen fühlt. Doch diese Liebe kann nur heimlich gelebt werden: Homosexualität ist gesellschaftlich geächtet und steht unter Strafe; Homosexuelle werden öffentlich mit Verbrechern auf eine Stufe gestellt. Als auch Marion Toms sexuelle Neigung nicht mehr übersehen kann, entschließt sie sich zu einer folgenschweren Tat, die schlussendlich das Leben aller drei ruinieren wird.

 

Bethan Roberts lässt Marion als Erzählerin die Ereignisse reflektieren und schildert parallel auch Patricks Perspektive. Herausgekommen ist dabei ein einfühlsames, wunderbar zu lesendes Buch, das trotz der Ernsthaftigkeit des Themas durch seine Leichtigkeit besticht.

 

Erst vor wenigen Wochen übrigens hat das Britische Parlament den Weg für die Homosexuellen-Ehe frei gemacht.

Empfohlen von Ralph Wagner

 

Milena Michiko Flašar
Ich nannte ihn Krawatte

 

Wagenbach 2012, Roman,
139 Seiten, € 16,90

 


Zwei Jahre lang hat sich der 20jährige Taguchi Hiro vor der Außenwelt abgeschottet und sich „darin geübt, das Sprechen zu verlernen“. Alle Sehnsüchte abzutöten hat er aber nicht geschafft, und so verlässt er voller Ängste und Vorbehalte an einem Wintermorgen sein Elternhaus nach so langer Zeit zum ersten Mal. Zögerlich beginnt Hiro mit seinem „ersten Freigang“, versucht Blickkontakte und zufällige Berührungen mit anderen Passanten zu vermeiden, möchte nach wie vor für sich sein. Bereits nach kurzer Zeit ist er jedoch von den Eindrücken und Geschehnissen so überwältigt, dass er ihnen nicht mehr standhalten kann und in die Stille eines Parks flüchtet. Eine Bank wird für ihn zur Rettungsinsel im Meer der Sinneserlebnisse. Dennoch treibt es ihn in den folgenden Monaten jeden Morgen wieder hinaus. Im Park, auf seiner Bank, bleibt er für sich und beobachtet das Geschehen.

Eines Morgens im Mai taucht Ōhara Tetsu, Mitte fünfzig, ein Salaryman – so die in Japan übliche Bezeichnung für einen männlichen Angestellten – das erste Mal im Park auf. Er setzt sich auf die Bank Hiro gegenüber, ohne von ihm Notiz zu nehmen. Tetsu wird Hiros Anwesenheit registrieren, nach einigen Tagen werden sie sich zur Begrüßung stumm zunicken. Als nächsten Schritt in der Annäherung wird sich Tetsu zu Hiro auf die Bank setzen und von seinen Problemen zu erzählen beginnen. Mit einer Offenheit, wie man sie vielleicht nur Fremden gegenüber hat, hilft der Ältere dem Jüngeren sein Schweigen zu überwinden und von seinen Geheimnissen zu sprechen. Am Ende wird jeder für sich klarer sehen. Der Roman wird von seinem Ende her, aus Hiros Sicht erzählt, die Ereignisse der vergangenen Monate erinnernd.

Mit Sätzen, die sich einprägen und noch lange nachhallen, erlangen wir einen Einblick in die Gefühlswelt zweier Menschen aus einer uns oft fremd anmutenden Kultur. Ein kurzer großer Roman, dessen Lektüre garantiert lohnt.

Empfohlen von Ralph Wagner




 

Rayk Wieland

Kein Feuer, das nicht brennt

 

Kunstmann Verlag 2012, 160 Seiten, 16,95 €

 

 

Erinnern Sie sich noch an die DDR? Ja, es hat sie tatsächlich gegeben, diese Republik der bürokratischen Auswüchse und Absurditäten, den Staat mit der alles und jeden observierenden Stasi, das Land der beschränkten Reisefreiheit mit seinem antikapitalistischen Schutzwall, den Arbeiter- und Bauernstaat des Mangels, der Unfreiheit und Repression. Zu den lesenswertesten Wende-Romanen gehört für mich „Ich schlage vor, dass wir uns küssen“ (2009) von Rayk Wieland: 20 Jahre nach der Wende wird der noch immer in Berlin lebende Rayk W. zu dem Symposion „Dichter. Dramen. Diktatur. Nebenwirkungen und Risiken der Untergrundliteratur in der DDR“ eingeladen. Er hält das Ganze für eine Verwechslung, kann er sich doch nicht erinnern, jemals ein Untergrundlyriker gewesen zu sein. Neugierig geworden, liest er seine Stasi-Akte, die er bis dahin nicht kannte, und fällt aus allen Wolken: Der vollkommen unpolitische Jugendliche Rayk, der seiner damaligen, weil in München lebenden leider unerreichbaren, aber deshalb vielleicht umso heißer begehrten Angebeteten Liane Briefe und Liebesgedichte schrieb, wurde als Staatsfeind verdächtigt und über mehrere Jahre aufwändig observiert. – Es ist großartig, wie Wieland die Paranoia und den Überwachungswahn im DDR-Staat humorvoll und mit fabelhaftem Wortwitz persifliert, ohne dabei den Ernst des Themas aus den Augen zu verlieren.
Dieser Tage ist unter dem Titel „Kein Feuer, das nicht brennt“ der neue Roman von Rayk Wieland erschienen, man könnte sagen, die Fortsetzung. Man kann dieses Buch mit großem Genuss lesen, auch wenn man den ersten Roman nicht kennen sollte. Zur Steigerung des Vergnügens rate ich dennoch, die Reihenfolge einzuhalten und beide zu lesen. Sie werden es nicht bereuen.

Der inzwischen etwa Vierzigjährige Rayk W. hat sein Auskommen als Autor für das renommierte „Glamour-Travel-Magazin“  International Geographic Revue gefunden, dem „Leitmedium für einen Tourismus von Touristen, die keine Touristen sein wollten, vielmehr singuläre Individualisten, ausgewiesene Kenner von Kreditkarten-Akzeptanzstellen, wahre Pioniere, die Postkarten nachempfundene Traumzonen erkunden, ohne den Bus zu verlassen, und die außer einer edlen Luxusherberge mit Marmorbädern und Sterneköchen auf praktisch nichts angewiesen sind“. Nicht nur sein Chef, Florian von Andersheim, „selbstgekürter und –verliebter Reisepapst der Reisekirche“ schätzt Rayks Artikel sehr, auch beim Publikum sind sie überaus beliebt. Niemand ahnt indes, dass der Reisereporter niemals – bis auf einen kurzen Ausflug nach Schöneberg direkt nach der Maueröffnung – über die Grenzen der ehemaligen DDR hinausgekommen ist, und dass all seine Reiseberichte zwar einwandfrei recherchiert, jedoch völlig frei erfunden sind. „Ein bisschen Internet, eine Handvoll Reiseführer, Lexika und Literatur, dazu ein paar Telefonate – mehr Authentizität braucht kein Mensch. Weiterreichende Expeditionen als die vom Schreibtisch zum Kühlschrank sind nicht nötig.“ Über zehn Jahre geht das gut, bis der Schwindel mit einem Reisebericht über Nordkorea, den „letzten weißen Fleck auf der Weltkarte des touristisch-industriellen Komplexes“ auffliegt. Von da an überschlagen sich die Ereignisse. Ein Feuerwerk an überraschenden Wendungen und oft zum Brüllen komischen Situationen treibt die Handlung voran und den Protagonisten zur ersten Reise seines Lebens. Die führt ihn an die Große Chinesische Mauer, zu Feuern die nicht brennen, und zu einem Wiedersehen mit Liane.
Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Was macht das Original aus, was ist Fälschung, was Ersatz? Welche Rollen spielen wir? – Mit wohl kalkulierter Flapsigkeit hinterfragt Rayk Wieland Mechanismen, mit denen wir Realität interpretieren und wahrzunehmen meinen in unserer Welt des grenzenlosen Konsums, in der alles zur Ware werden kann. Das ist klug und unterhaltsam und absolut lesenswert.

Empfohlen von Ralph Wagner


 

Steven Uhly

Glückskind

 

secession, 2012, 245 Seiten, 19,95 €

 

 

Schon vor vielen Jahren hat das Leben für den 59 jährigen Hartz 4-Empfänger Hans D. jeglichen Sinn verloren. Als „behauster Obdachloser“ wohnt, oder besser gesagt, vegetiert er ohne Ziel- und Antrieb und ohne nennenswerte Kontakte zu anderen Menschen in einem Wohnblock einer namenlosen Stadt vor sich hin. Er ist verwahrlost, wäscht weder sich noch seine Kleider, er stinkt ebenso wie seine Wohnung. Die begehbaren Schneisen zwischen Bergen dreckiger Wäsche, überquellenden Müllsäcke und leeren Bierflaschen verbinden Kühlschrank, Fernseher, Bett und Toilette. Hans ekelt sich vor sich selbst, bemitleidet sich aber auch. So wird sogar das Ausfüllen des Antrags auf Verlängerung seiner Unterhaltszahlungen, der fristgerecht eingereicht werden will, zur kaum lösbaren Aufgabe. Die einzige Handlung zu der er sich an dem Morgen, mit dem die Handlung des Romans einsetzt, aufraffen kann, ist einen Teil der Müllsäcke zu den Tonnen zu bringen. Dieser Gang wird zum Wendepunkt in seinem vertrackten Leben werden.

 

In einer der Mülltonnen findet er ein geschwächtes, leise vor sich hin wimmerndes Baby. Spontan nimmt er das Kind an sich und beschließt, es zu behalten und aufzuziehen. Fast gleichzeitig muss er sich jedoch eingestehen, dass dieser Entschluss in seinem Zustand und mit seinem Aussehen kaum lösbare Probleme mit sich bringt: Wie und wo soll er Babynahrung, Windeln und Kleidung besorgen? Wie soll er bei Nachfragen erklären, wessen Kind das ist, und wie es zu einem wie ihm kommt? Was soll er tun, wenn das Kind einen Arzt braucht? Was soll er tun, wenn das Kind schulpflichtig wird? Aber mit den Problemen der Zukunft will er sich zu gegebener Zeit beschäftigen. Zunächst muss er das Kind, ein Mädchen, dem er den Namen Felizia gibt, füttern, waschen, wickeln und neu einkleiden.

 

Aber Hans weiß sich zu helfen, und er bekommt Hilfe von unerwarteter Seite. Die neue Aufgabe, und die Anteilnahme, Hilfsbereitschaft und das Interesse – auch an ihm selbst – die er von einigen Menschen aus seinem Umfeld erfährt, helfen ihm, die Isolation zu durchbrechen. Hans wird nicht nur optisch ein neuer Mensch, er sieht in seinem Dasein auch wieder einen Sinn. Spätestens jedoch, als er durch die Medien von der Festnahme der Mutter und deren Geständnis, das Kind getötet zu haben, erfährt, kommen ihm große Zweifel, ob er an seinen Plänen festhalten soll…

 

Steven Uhly thematisiert moralische Dilemmata und eine Vielzahl sozialer Probleme, ohne dabei zu moralisieren oder zu (ver)urteilen. Seinen Figuren gewährt er überraschende Haltungen und Entwicklungen. Auch nach seinem dritten, für mich bisher besten und zugänglichsten Roman, lässt er sich weder auf ein bestimmtes Genre, noch einen erwartbaren Schreibstil festlegen. Jedes Buch ist anders, „Glückskind“ hat ein überraschendes, man könnte auch sagen, märchenhaftes Ende, das aber nicht verraten werden soll. Ich freue mich auf weitere Bücher dieses beachtenswerten Autors.

Empfohlen von Ralph Wagner

 

John Burnside

Lügen über meinen Vater

 

Aus dem Englischen von Bernhard Robben

Knaus-Verlag,  Gebunden, 384 Seiten, € 19,99 

 

 

John Burnside beschreibt in diesem sprachlich brillanten und von Bernhard Robben hervorragend ins Deutsche übertragenen Buch seine Kindheit und Jugend in Schottland und Nordengland zwischen 1960 und 1980.
Indem er mit einem Abstand von 25 Jahren (das Buch entstand 2005) die Geschichte neu erzählt , versucht er zu einem Verständnis seines Vaters zu kommen und eine gewisse Nähe zu ihm herzustellen, die es im realen Leben zwischen den beiden nie gegeben hat.
Das Buch ist schonungslos realistisch, wird nie sentimental und hält den Leser von der ersten Seite an gefangen. Auf eine Inhaltsangabe verzichte ich, man sollte es einfach lesen und genießen.

P.S. Der Originaltitel ist „A lie about my father“, und tatsächlich wird nur eine einzige Lüge am Anfang des Buches erzählt, als Burnside einer Zufallsbekanntschaft von seiner glücklichen Kindheit und seinem tollen Vater berichtet. 

Empfohlen von Peter von dem Broch



 

Arno Geiger

Der alte König und sein Exil

 

 

Ein berührendes, sehr einfühlsames und dabei ruhiges und reflexives Buch hat Arno Geiger über die Demenz-Erkrankung seines Vaters geschrieben. Er gibt darin einiges preis aus der Geiger'schen Familiengeschichte, aber nie hatte ich den Eindruck, als Leser dieser privaten Details zum unfreiwilligen Voyeur zu werden. Dies verhindert die teils distanzierte und dennoch liebe- und verständnisvolle Annäherung des Sohnes an den Vater, an der er uns durch die Schilderungen von dessen Krankheitsgeschichte über viele Jahre teilhaben lässt."Es war spürbar, wie sehr die seit meiner Jugend gewachsene Distanz zwischen dem Vater und mir kleiner wurde, und auch der von der Krankheit aufgezwungene Kontaktverlust, den ich seit längerer Zeit befürchtet hatte, trat nicht ein. Statt dessen freundeten wir uns nochmals an mit einer Unbefangenheit, die wir der Krankheit und dem Vergessen zu verdanken hatten; hier war mir das Vergessen willkommen".

Wohl schon Mitte der 1990er Jahre bricht bei August Geiger die Krankheit aus. Zu Beginn von allen Familienmitgliedern für eine Spielart des Altersstarrsinns, gepaart mit zunehmender Interesselosigkeit und Schusseligkeit, gehalten, dauert es noch einige Jahre, bis die Demenz als solche erkannt und ernst genommen wird und die medizinischen Behandlungen, noch später dann die Betreuung des Vaters durch Pflegepersonal beginnen. "Die Einsicht in den wahren Sachverhalt bedeutete für alle eine Erleichterung. Jetzt gab es für das Chaos der zurückliegenden Jahre eine Erklärung, die wir akzeptieren konnten, wir fühlten uns nicht mehr so am Boden zerstört. Nur die Einsicht, dass wir viel zu viel Zeit damit vergeudet hatten, gegen ein Phantom anzukämpfen, war bitter Zeit, die wir tausendmal sinnvoller hätten nutzen sollen. Wenn wir klüger, aufmerksamer und interessierter gewesen wären, hätten wir nicht nur dem Vater, sondern auch uns selber vieles ersparen, und vor allem hätten wir besser auf ihn aufpassen und noch rasch einige Fragen stellen können." Die Krankheit hat verschiedene Phasen, die Geiger anschaulich und nachvollziehbar beschreibt. Dabei gelingt es ihm, sich selbst und damit auch den LeserInnen die Krankheit ein Stück weit zu erklären, sie etwas begreifbarer zu machen. Überhaupt ist das ganze Buch durchzogen vom Wunsch zu verstehen, seien es die Motive des väterlichen Verhaltens in der Vergangenheit oder dessen momentanen Zustand; und das eigene Verhalten noch dazu. "Oft heißt es, an Demenz erkrankte Menschen seien wie kleine Kinder, kaum ein Text zum Thema, der auf diese Metapher verzichtet; und das ist ärgerlich. Denn ein erwachsener Mensch kann sich unmöglich zu einem Kind zurückentwickeln, da es zum Wesen des Kindes gehört, dass es sich nach vorne entwickelt. Kinder erwerben Fähigkeiten, Demenzkranke verlieren Fähigkeiten. Der Umgang mit Kindern schärft den Blick für Fortschritte, der Umgang mit Demenzkranken den Blick für Verlust."

Wer sich bereits mit dem Thema beschäftigt oder Umgang mit dementen Menschen hat, wird feststellen, wie gut, wichtig und richtig, aber auch wie tröstlich und hilfreich das Buch ist. Denn Verständnis und Beistand für die Erkrankten, sowohl von Seiten der Angehörigen als auch von der des Pflegepersonals, sind wahrscheinlich die besten Möglichkeiten, mit der Krankheit umzugehen und leider längst nicht der Regelfall.

Parallel zur Buchausgabe ist eine CD bei HörbuchHamburg erschienen. Auf 4 CDs liest Matthias Brandt den gesamten Text des Buches. 

 

Arno Geiger, 1968 in Bregenz geboren, lebt in Wien. Bei Hanser erschienen die Romane: Kleine Schule des Karusselfahrens (1997), Irrlichterloh (1999), Schöne Freunde (2002), Es geht uns gut (2005), Erzählband Anna nicht vergessen (2007) und zuletzt der Roman Alles über Sally (2010). Für sein Werk erhielt er unter anderem den Friedrich Hölderlin-Förderpreis (2005), den Deutschen Buchpreis (2005) und den Johann Peter Hebel-Preis (2008).