Unsere Buchtipps aus den Sachbüchern

 

Peter Godfrey-Smith

Der Krake, das Meer und die tiefen Ursprünge des Bewusstseins

 

Sachbuch, Matthes & Seitz Verlag 2023, jetzt auch als Taschenbuch

295 Seiten, 15,--Euro

 

 

Wahrscheinlich werden wir nie einen Alien treffen…

… aber eine Begegnung mit einer Krake kommt dem sehr nahe. Der letzte gemeinsame Vorfahre von Mensch und Kopffüßler war ein platter Wurm mit Augenflecken und ohne nennenswertes Bewusstsein. Ab dieser Verzweigung unseres Stammbaumes hat die Natur den Geist gleich zweimal erfunden. So gibt es über Kopffüßler unzählig Faszinierendes und Merkwürdiges zu berichten und noch viele ungelöste Rätsel. Peter Godfrey-Smith belässt es allerdings nicht dabei von seinen Taucherfahrungen zu erzählen. Der Philosoph verknüpft geistreich Beobachtungen mit unerwarteten Fragen zu unserer eigenen körperlichen Verfassung und Entwicklungsgeschichte, und sucht mit Biologen nach Antworten. Wie wäre es denn beispielsweise, wenn sich all unsere Gehirnaktivitäten auf der Haut in Farben und Mustern abzeichnen würden? Und welche Bedeutung hat (dann) Sprache?
„Ein hinreißendes Buch!“ The Guardian

Empfohlen von Saskia Jürgens

 

Dirk Liesemer
„Café Größenwahn“

 

Sachbuch, Hoffmann und Campe Verlag 2023,

384 Seiten, 25,--Euro

 

 

Verschiedenerlei Größenwahn
In Dirk Liesemers Buch rebellieren junge Menschen gegen veraltetes Denken, während die Welt des beginnenden 20. Jahrhunderts aus den Angeln gehoben wird.

 

Schon immer boten Großstädte Zuflucht, wenn es darum ging, konservativen, fremdbestimmten Lebenswegen zu entkommen. Dies bewegt auch Franziska zu Reventlow, sich auf den Weg nach München zu begeben, um weder als ungebildete, Spitzen klöppelnde Hausfrau zu enden, noch von der Familie als Geisteskranke entmündigt zu werden. Wer sich als offen und freigeistig versteht, der betritt eines der oft pompösen Cafés der Großstädte. Und so ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch sie dort auf Personen wie Thomas Mann, Lou Andreas-Solomé, Franz Wedekind oder Rainer Maria Rilke trifft. Keineswegs sollte man diese Café-Atmosphäre mit der heutigen gleichsetzen, denn damals herrscht dort Kneipenlärm, Rauchschwaden wabern umher, es wird wild diskutiert, gestritten,Verse zum Besten gegeben, Ideen vermengt und manchmal geohrfeigt.
Hier wird die Welt neu erfunden, von Menschen ,die sich um voll besetzte Marmortischchen drängen - Geburtsort für haarsträubende Thesen, ebenso wie für revolutionäre Gedanken und atemberaubende Literatur. Was für München das Stefanie ist, ist für Berlin das Café des Westens und für Wien das Griensteidl. 1896 mit dem Pariser Café Procope begonnen, werden sie alle unter dem Namen Café Größenwahn zusammengefasst. Sie alle sind verbunden durch Gäste, die einen starken Hang dazu aufweisen, sich zur künftigen Unsterblichkeit berufen zu fühlen. Gäste, die über Stadt- und Reichsgrenzen hinweg bekannt und im Austausch sind. Es entstehen Freundschaften, Lieben, Zeitungen, Theater, Cabarets, aber auch heftige Konkurrenz und Feindschaft:
Karl Krauss füllt in Wien seine Zeitung „Fackel“ mit unverschämten Verrissen und ist geschmeichelt durch die Bilanz des ersten Quartals: 236 anonyme Schmähbriefe, 83 Drohungen und 1 Überfall.

Dem Autor Dirk Liesemer gelingt es, ein scharfes und leuchtendes Bild vom Lebensgefühl der Bohème, der Großstädte und der Kaffeehauskultur zu erzeugen. Neben Fotografien und chronologisch angeordneten, interessanten, oft amüsanten Anekdoten über Künstler*innen und Literat*innen, beschreibt er Besonderheiten der Kaffeehäuser, wie Einrichtung, Architektur, Spezialitäten und nicht zuletzt die Kellner, hochgeschätzte Allrounder in ihren Fähigkeiten.

Die Gäste der Cafés sind jedoch nicht die einzigen vom Größenwahn Befallenen. Kaiser Wilhelm II plant das Deutsche Reich zur ersten Führungsmacht des Kontinents auszubauen und träumt von „einem Platz an der Sonne“. Die Zeichen stehen auf Wettrüsten, die Propagandamaschinerie läuft auf Hochtouren. Die Kapitel werden immer häufiger durch Sequenzen unterbrochen, die von politischen Ereignisse berichten. Die Lage spitzt sich zu. Die Welt der Bohemiens wird mehr und mehr zur Parallelwelt, die jäh aus ihrem Traum gerissen wird, als der mit großer Anstrengung provozierte Krieg ausbricht.
Nicht nur Oskar Kokoschka, Peter Altenberg und Joachim Ringelnatz verfallen dem kriegsfreudigen Taumel, selbst der Anarchist und Pazifist Erich Mühsam lässt sich für ein paar Tage mitreißen. In München trifft Else Laschker-Schüler auf die weinende und verletzte Emmy Hennings. Sie war einem verprügelten Pazifisten zur Hilfe geeilt. Zum Trost lädt sie die Freundin zu Kuchen ins Stephanie ein.
Es zerbrechen Freundschaften, Leben werden aufs Spiel gesetzt und zerstört – mit dem Beginn des ersten Weltkrieges wird jedoch auch das Ende einer Epoche voller neuer Ideen in Literatur, Kunst, Architektur, Psychologie, des gesellschaftlichen Zusammenlebens und der individuellen Lebensgestaltung besiegelt. Ideen, die zum Teil ihrer damaligen Zeit weit voraus und heute aktueller denn je sind.
Ein Text, der sehr zum Nachdenken anregt, über Gesellschaft, Bestrebungen zum Auf- und Ausbruch und Machtverhältnisse und durch seine ästhetischen Beschreibungen viele kräftige Bilder liefert.

Empfohlen von Saskia Jürgens

 

Diese Rezension befindet sich auch im unabhängigen Literaturjournal Lesart, Ausgabe 1/2024

 

Éric Vuillard

Ein ehrenhafter Abgang

Politisches Sachbuch, Matthes & Seitz Verlag 2023,

140 Seiten, 20,--Euro

 

 

The show must go on...

… für einen ehrenvollen Abgang - vor allem jedoch für Profite für ein paar wenige Reiche.
Es ist das Jahr 1928. Gewerbeaufseher besuchen eine Kautschukplantage der Firma Michelin in Saigon. Ihr Auftrag lautet, einen Bericht über die dortigen Arbeitsbedingungen anzufertigen, denn es drangen Gerüchte und Beschwerden über Demütigungen, Schläge und einer regelrechten Selbstmordepidemie der dortigen Arbeiter nach Außen. Was die Inspektoren zu Gesicht bekommen, ist Schockierendes, das immer wieder zwischen Vertuschungsversuchen durchschimmert. Die Inspektoren schreiben ordnungsgemäß ihren Bericht, im selben Jahr sterben auf dieser Plantage circa 30 % der dortigen Arbeiter, zu einer Verurteilung kommt es nicht. Michelin kann seine Gewinne maximieren.
Von dort springt das Buch Kapitel für Kapitel in der Zeit durch die Jahre, durch Geschäftsessen, Empfänge, Plenars- und Sitzungssäle, sowie Fernsehstudios. Es ist ein Buch über die Zusammenhänge des Vietnamkrieges und der Rolle Frankreichs in Indochina. Dabei handelt es sich nicht um einen „Schützengraben-Bericht“, hier geht die Reise hinter die Kulissen, zu denen, die auf ihren bequemen Sesseln die Fäden ziehen. Mit treffsicheren Formulierungen und spitzer Zunge berichtet Vuillard wer in dieser Sache eine tragende Rolle spielte, wer von diversen Vorteilsbeschaffungen profitierte und welche Gewinne allgemein eingeheimst wurden. Ein Theater, bei dem auch das Publikum, die Gesellschaft also, mitspielen musste und eine entsprechende Story aufgetischt bekommt.
Ein aufschlussreiches Buch, das Einblicke und Erkenntnisse zulässt, die nicht nur den Vietnamkrieg besser verstehen lassen, sondern auch auf manche aktuelle politischen Geschehnisse übertragbar sind.

Empfohlen von Saskia Jürgens

 

Valentin Groebner

Aufheben, Wegwerfen –

Vom Umgang mit schönen Dingen

Essay, Konstanz University Press bei Wallstein Verlag 2023,

172 Seiten, 20,--Euro

 

 

All die schönen Dinge

Gegenstände machen etwas mit uns. Mit uns als Individuen, aber auch als Gesellschaft. Sie dienen als Statussymbol, zeigen Macht und Einfluss an oder aber Bescheidenheit, Genügsamkeit – ein „über den Dingen stehen“. Man häuft an, sortiert, präsentiert – was man hat soll gesehen werden – pflegt, entrümpelt. Das Sammeln als „Selbstdokumentation mit Fremdkörpern“ soll uns nicht nur definieren, sondern unseren guten Geschmack nach Außen anzeigen, unser ästhetisches Empfinden schulen und uns beim Kauf glücklich machen. Doch besteht die Gefahr, dass wir uns damit ein selbstgebautes Gefängnis zusammenkaufen.
Valentin Groebner umfasst mit diesem Essay unterschiedliche kulturwissenschaftliche Aspekte, die sich mit dem Aneignen und Besitzen schöner Sachen befassen. Dabei streift er nicht nur Psychologie und Philosophie, sondern befasst sich mit der Historie des Besitzens von „schönen Dingen“. Begonnen bei Talismanen endet er das Büchlein bei bemerkenswerten Überlegungen zum Trend des Minimalismus. Zum Staunen bringt er die Lesenden mit einigen kuriosen Tatsachen. Den sachlichen Ton der zusammengetragenen wissenschaftlichen Erkenntnisse lockert er auf unterhaltsame Weise mit einigen eigenen Anekdoten auf.
Dieses Büchlein ist keine weitere Fürsprache für den Minimalismus und das Aufräumen – es ist eine Wunderkammer an verschiedenen, mal mehr oder weniger wertneutralen Überlegungen aus unterschiedlichen Blickrichtungen.

Empfohlen von Saskia Jürgens

 

François, Bill

Die Eloquenz der Sardine

 

Übersetzt von Frank Sievers

Naturkunde, 234 Seiten, mit 17 Zeichnungen

978-3-406-76690-9, Beck Verlag, gebunden, 22,00 Euro

 

 

Unglaubliche Geschichten aus der Welt der Flüsse und Meere

Das Buch des Meeresbiologen Bill Francoisfasziniert von der ersten Seite an. Seinem unglaubliches Wissen über die Meere und die Lebewesen darin,  versetzen in Erstaunen und Faszination. Diese Naturkunde liest sich wie ein spannender Krimi
 

Eine Sardine, mit glitzernden Schuppen nahm dem Autor als Kind die Angst vor den Fischen und dem offenen Meer. Er warf sie zurück ins Wasser und folgte ihr. Seither ist er nie wieder vollständig auf festen Boden zurückgekehrt. Bills Francois lässt uns die unterseeischen Klänge hören, wo sich der Klang der Eisberge mit den Gesängen der Wale mischt. Er erzählt uns vom atlantischen Lachs, der noch in den Gewässern Grönlands den bretonischen Bach riecht, in dem er geboren wurde. Mit einer Gruppe von „Streetfischern“ steigt er in den Bauch von Paris hinab, um dessen aquatische Bewohner zu treffen. Bill lässt uns am gesellschaftlichen Leben der Meereswesen teilhaben, berichtet von der Kindheit der Fische, von den Buckelwalen, die ihr Wissen weitergeben und zeigt uns viele weitere Wasserwesen auf, von deren Existenz und Fähigkeiten wir mit Sicherheit noch nichts wussten.

Empfohlen von Monika Rieth

 

Nicole Seifert

FRAUEN LITERATUR

Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt

Kiepenheuer & Witsch Verlag, 224 Seiten, gebunden, 18,00 Euro

 


Sollte das Geschlecht des Schreibenden eine Rolle spielen bei der Lektüreauswahl? In „Frauenliteratur“  beschreibt Nicole Seifert eindrücklich und fundiert darüber welchen Einfluss das Geschlecht (neben anderen Faktoren wie Hautfarbe, oder dem sozioökonomischen  Umfeld von Autor*innen ) noch heute auf Rezeption und Erfolg von Romanen hat. Seifert lenkt den Blick sowohl auf heutige Lehrpläne als auch auf die deutsche Literaturgeschichte und sucht den direkten Vergleich zu anderen Ländern im Umgang mit der Wiederentdeckung vergessener Werke und der Kanonfrage.

Frauenliteratur ist ein eindringliches Plädoyer, das sich liest wie ein Krimi.

Empfohlen von Louisa Scherer

 

Reeves, Hubert

Wo ist das Weltall zu Ende?

Das Universum meinen Enkeln erklärt

 

Aus dem Französischen von Annabel Zettel

Für Menschen ab 14 Jahren

C.H.BECK, 2012. 141 Seiten, Halbleinen, 14,95 € 

 

 

Wer kennt das nicht, unschuldig hervorgebrachte, zunächst harmlos anmutende Kinderfragen, die uns Erwachsene ziemlich in Verlegenheit bringen können. Angeblich sind es einige hundert Fragen, die ein 4jähriges Kind am Tag stellt! Oft sind sie philosophischer Natur, oder sie gelten elementaren Dingen und Zusammenhängen. Öfter als uns vielleicht lieb ist, müssen wir einräumen, nicht die passenden oder zumindest keine zufrieden stellenden Antworten zu haben. Ein paar Beispiele gefällig? Da wäre die Technikfrage: „Wie funktioniert das?“ Dank Lexika oder Internet sind Fragen solcher Art immerhin meistens beantwortbar. Schwieriger wird es bei den Fragen nach Leben und Tod, Herkunft und Zukunft: „Wo war ich, bevor ich geboren wurde?“ oder „Warum müssen wir sterben?“ Oder eben auch Fragen, das Große und Ganze betreffend: „Wo ist eigentlich das Weltall zu Ende?“ Unter diesem Titel ist gerade ein (nicht nur für Kinder und Jugendliche) überaus empfehlenswertes, weil erhellendes, anschaulich geschriebenes, sehr gut verständliches Buch des kanadischen Astro-Physikers Hubert Reeves erschienen. Entstanden ist es natürlich aus Gesprächen mit einem Kind, nämlich seiner Enkelin. In mehr als 20 Kapiteln werden einige „typische“ Fragen zu unserem Universum, seiner Geschichte und seiner Zukunft behandelt. Reeves erklärt, was „schwarze Löcher“ sind und was unter „dunkle Materie“ zu verstehen ist. Wir erfahren, dass die Bausteine unseres Körpers von den Sternen kommen und warum die Sterne in unterschiedlichen Farben leuchten. Ein tolles Buch für alle ab etwa 14 Jahren und ohne Altersbeschränkung nach oben.
Empfohlen von Ralph Wagner

 

Jan Karski
Mein Bericht an die Welt


Herausgegeben von Céline Gervais-Francelle
Aus dem englischen Originaltext (Story of a Secret State, 1944) und der französischen Neuausgabe von 2010 übersetzt von Franka Reinhart und Ursel Schäfer

Kunstmann Verlag 2011, 620 Seiten, gebunden 28,00 Euro

 

 

Bereits wenige Tage nach dem Überfall der Deutschen auf Polen 1939 gerät der junge polnische Offizier Jan Kozielewski in sowjetische Gefangenschaft. Über die Aufteilung Polens hatten Hitler und Stalin sich insgeheim ja bereits vor der Invasion geeinigt. Nach einem Gefangenenaustausch zwischen den Deutschen und den Sowjets gelingt ihm und einigen weiteren Gefangenen die Flucht. Kozielewski ist Patriot und will für sein Land kämpfen. Sobald sich die Gelegenheit bietet, schließt er sich dem Widerstand an. Schnell wird er zu einem wichtigen Kurrier innerhalb Polens, zum Übermittler von Nachrichten zwischen den noch vereinzelt agierenden Parteien und Gruppierungen des Widerstandes. Durch seine Rolle als Kurier wird Kozielewski maßgeblich an der Koordination des Aufbaus des Polnischen Widerstandes, der Heimatarmee und des Polnischen Untergrundstaates beteiligt. Auf einer seiner Missionen wird er in der Slowakei von der Gestapo gefasst, fast zu Tode gefoltert und schließlich in einer spektakulären Aktion von Untergrundkämpfern befreit.

Im Sommer 1942, mittlerweile arbeitet Kozielewski unter dem Decknamen Jan Karski, wird er vom Polnischen Regierungsbevollmächtigten in  Warschau, Cyryl Ratajski, mit der Aufgabe betraut, als „politischer Gesandter des zivilen Kampfes“ im besetzten Polen der Polnischen Exilregierung in London wichtige Instruktionen und Dokumente zu überbringen. In seinem Gepäck befindet sich auch ein Mikrofilm der Heimatarmee mit Dokumenten über die so genannte „Große Aktion“ im Warschauer Ghetto. Immer um Wahrheit und Wahrhaftigkeit bemüht, lässt Karski sich in ein Vernichtungslager und ins Warschauer Ghetto einschleusen um mit eigenen Augen zu sehen, was die Welt nicht glauben will. Im Ghetto nimmt er als mündliche Botschaft der noch lebenden polnischen Juden den verzweifelten Hilferuf und Appell an die Politiker der Alliierten auf, endlich die systematische Vernichtung der Juden zu stoppen. Die westlichen Alliierten haben jedoch andere Interessen und Strategien im Krieg gegen Hitler-Deutschland; und dass der Hilferuf aus Warschau ignoriert wurde, wissen wir aus der Geschichte.

Jan Karski wird dieses Scheitern sein Leben lang als persönliches Versagen und Schuld empfinden, obwohl er mit größtem persönlichen Risiko unter Einsatz seines Lebens alles versucht hatte, um der „Endlösung“ Einhalt zu gebieten. 1944 erscheint in den USA sein Buch „Story of a Secret State“. Es wird über Nacht zum Bestseller und sein Autor zum gefeierten Helden des Polnischen Widerstands als Aufklärer in der Sache. Detailliert und facettenreich berichtet Karski darin über seine Aufgaben und sein Wirken als Kurrier, über Aufbau und Funktion des Untergrundstaates und des Widerstandes zwischen 1939 und 1942. Er schildert aber auch seine vergeblichen  Bemühungen, die Alliierten von der Notwendigkeit zum Handeln zu bewegen, um die noch lebenden Juden zu retten.

2011, also erst 67 Jahre später, ist dieses wichtige und erhellende Buch endlich auch in einer deutschen Übersetzung erhältlich, die auf dem englischen Originaltext von 1944 und einer französischen Neuausgabe von 2010 beruht. Versehen mit einem ausführlichem Anmerkungsapparat und einer fundierten Einleitung der Herausgeberin Céline Gervais-Francelle empfehle ich dieses lehrreiche Buch allen wärmstens, die ihre Kenntnisse über Polen im 2. Weltkrieg erweitern, und/oder eine unglaublich spannende Biographie lesen möchten.
Empfohlen von Ralph Wagner

 

Philipp Blom

Der taumelnde Kontinent

Europa 1900-1914

Hanser Verlag, gebunden mit Lesebändchen, 528 Seiten
Mit 86 s/w-Abbildungen, 8 Seiten farbigem Bildteil

25.90 Euro
 

 

Die 15 Jahre unmittelbar vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs waren keineswegs eine Zeit des behäbigen Abwartens oder der selbstgefälligen Saturiertheit, wie es beim Gebrauch des Begriffes „Fin de Siècle“ häufig mitschwingt, sondern diese Jahre waren vielmehr durch einen gewaltigen Umbruch in Technik, gesellschaftlichen Verhältnissen, sozialen und moralischen Einstellungen gekennzeichnet, Umbrüche, die sich dann nach 1918 voll durchsetzten und in ihrer Radikalität den Umbrüchen, die wir heute 100 Jahre später miterleben, überhaupt nicht nachstehen.
In 15 Kapiteln führt uns Philip Blom 15 Einzelthemen dieser unerwartet bewegten Zeitspanne vor, die sich z.B. mit der Weltausstellung in Paris im Jahre 1900, mit dem Niedergang des immer noch dominierenden Adels und der beschämenden Rolle Wilhelms II., der russischen Revolution von 1905, den Umwälzungen in den Naturwissenschaften am Beispiel Marie und Pierre Curies, den kolonialen Gräueln im belgischen Kongo bei der Kautschukgewinnung, den englischen Suffragetten und dem Wandel in den Geschlechterbildern und zahlreichen weiteren symptomatischen und spannenden Themenfeldern beschäftigen. Dem Autor versteht es dabei, brillantes Erzählen und historisch-politische Analyse glücklich zu verbinden. Heraus kommt ein Lesevergnügen mit hohem Erkenntniswert. Und es gelingen ihm dabei immer wieder köstliche Formulierungen wie diese, bei der es sich um den Stillstand der österreichisch-ungarischen k.u.k.-Politik dreht:
„Die Politik des Reiches nahm oft denselben Verlauf wie ein Walzer; zuerst nach rechts, dann nach links, sich schwungvoll drehend, bis man schließlich da anlangte, wo man begonnen hatte, immer in Bewegung, ohne jemals von der Stelle zu kommen.“ (S.71)
Der englisch-deutsche Historiker Philip Blom hat dieses Buch in englischer Sprache verfasst (Originaltitel: The Vertigo Years) und es anschließend für die deutschen Leser selbst übersetzt. Blom lebt heute in Wien. Ein wesentlicher Antrieb zum Schreiben war für ihn das Zurückweisen der landläufigen Meinung, dass der Erste Weltkrieg der wesentliche Auslöser für das Entstehen der Moderne war. Mit „Der taumelnde Kontinent“ hat er  nachgewiesen, dass vielmehr bereits in den Jahren vor dem Kriege die Fundamente für die moderne Welt gelegt wurden.
Empfohlen von Wolfgang Kiekenap

 

seit 2011:   dtv Taschenbuch   Bd.34678 . 528 S.   m. zahlr. Abb., 8 farb. Bildtaf. €14,90