Rose Tremain: „Der unausweichliche Tag“


aus dem Englischen von Christel Dormagen,

Suhrkamp Verlag, 334 Seiten, 13,95 €,

 

 

Audrun Lunel hat ihr Cevennen-Dorf La Callune in vierundsechzig Jahren nie verlassen.

Den Wald aus Eichen und Kastanien, „dieses atmende, wunderschöne Etwas“, wie sie es nennt, hat ihr Vater ihr vermacht.

Audrun geht oft allein in ihren Wald, denn sie liebt es unter ihren Fußsohlen, den Teppich aus Blättern, Eicheln und Kastanienschalen zu spüren.

Audrun ist manchmal verwirrt – das sagen ihr auch die Leute im Dorf.

Sie haben recht, denn es gibt Augenblicke, in denen die Episoden kommen,  in denen ihr Bewusstsein stillsteht.

Und dann fällt sie um, wie früher ihre Mutter Bernadette, wenn der trockene, kalte Mistral aus dem Norden blies.

Kurze Episoden des Gehirns nennt sie der Arzt und gibt ihr Tabletten. Die legt sie sich auf die Zunge wie eine Kommunionsoblate.

Man sagt ihr, ihr Verstand neige dazu „unangebrachte Ideen“ zu entwickeln. In der Tat, er kann sich furchtbare Dinge für ihre Feinde vorstellen.

„Feinde, Audrun?, Du hast doch keine Feinde“, sagen die Leute von La Callune. Aber sie hat Feinde. Ihre engste Freundin Viala, kennt die Namen. Einer dieser Feinde ist längst auf dem Friedhof begraben.  

Vorsichtig geht Audrun hoch zum alten Haus, zum Mas Lunel. Dort lebt ihr Bruder Aramon..

Man weiß nie genau was Aramon im Schilde führt. Einmal hat er seinen alten Fernseher aus dem Fenster geworfen.

In ihrer Kindheit hatte das Mas eine U-Form. Unter den Dächern der beiden Seitenflügel war das Vieh untergebracht, das Korn gespeichert, und es wurden dort die Seidenraupen gezüchtet. Dann riss Serge, ihr Vater,  die beiden Flügel ab und jetzt steht nur noch das Haus, und es gehört Aramon.

Jetzt will Aramon das Mas verkaufen und das Land, damit er den Rest seiner Tage in Saus und Braus leben kann. Er will an Ausländer verkaufen, das haben die Maklerinnen ihm geraten, an Schweizer, Belgier Holländer oder Engländer, denn sie lieben solche alten Kästen. Sie motzen sie auf mit Schwimmbädern oder weiß der Himmel was. Ihre eigene kleine Kate will Aramon, obwohl sie auf ihrem Land steht, abreißen lassen, damit sich das Mas leichter verkaufen lässt.

Nicht zum ersten Mal denkt Audrun , dass nicht ihre Mutter Bernadette, sondern Aramon hätte sterben sollen, dann wäre er längst zu Staub zerfallen.

Ein wunderbarer Gedanke, sein Gesicht, sein schlechter Geruch.......alles wäre Staub und das ganze Land der Lunels, das seit Jahrhunderten im Besitz der Familie war, würde ihr gehören und aus seinem Prozess des Zerfalls erlöst werden.

 

Empfohlen von Monika Rieth